Festivalthema

PROJEKT BLAU-WEISS

Die 9. Ausgabe des Mizmorim Kammermusik Festival folgt vom 19. bis 22. Januar 2023 den Lebensstationen Theodor Herzls (1860–1904), um musikalische Werke seiner Zeit miteinander in Beziehung zu bringen. Herzl hat dem zionistischen «Projekt Blau-Weiss» – der Bewegung für einen jüdischen Nationalstaat – mit seiner 1896 veröffentlichten Schrift «Der Judenstaat» und dem 1897 erstmals in Basel abgehaltenen Zionistenkongress nicht nur theoretische und praktische Grundlagen gegeben. Der als Schriftsteller und Journalist tätige Jurist sah den Weg zu einem jüdischen Staat auf europäisch-politischen Grundsätzen fundiert und legte dabei grossen Wert auf Kultur – insbesondere auf die Musik. 
Der Weg, der schliesslich 1948 zur Gründung des Staates Israel führte, wurde begleitet von einem Soundtrack mit einer grossen stilistischen Vielfalt. Ein sich ständig erweiterndes Repertoire von Liedern stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Zionistinnen und Zionisten wie auch der sympathisierenden Gruppierungen. Komponisten wie Joel Engel, Jakob Schönberg, Ernst Toch, Kurt Weill, Stefan Wolpe und viele mehr bezogen sich darauf, indem sie sich von zionistischen Melodien und Literatur inspirieren liessen, sich kritisch damit auseinandersetzten oder in der Tradition der abendländischen Kunstmusik ihre eigene Stimme suchten. 
Wichtige, darunter auch vergessene Werke jüdischer und nichtjüdischer Komponisten – von Karl Goldmark, Zoltán Kodály, dem jungen Erich Wolfgang Korngold, aber auch von Claude Debussy und Richard Wagner sowie dem jüdischen Schweizer Komponisten Ernest Bloch, der die zionistische Idee abgelehnt hat, – bilden ein Spannungsfeld zur Utopie und der Realität des Zionismus, das beim Mizmorim Kammermusik Festival nicht ausgeblendet wird. Sowohl die Konzerte als auch die Podiumsgespräche bieten Gelegenheit, darüber nachzudenken. 
Symbol für Herzls Projekt wurde die übrigens 1897 erstmals in Basel präsentierte Flagge der zionistischen Bewegung. Ausgehend vom traditionellen Gebetsmantel sowie den blau-weissen Schaufäden wurde eine weisse Fläche mit zwei blauen Streifen und einem blauen Davidsstern kombiniert. Die Fahnengestaltung sowie die Verwendung der Farben blau und weiss verweisen auf die Verbindung von religiöser Tradition mit der Moderne im von Herzl vorangetriebenen Projekt Blau-Weiss.

Links: Herzl bei der Eröffnungsrede am Zweiten Zionistenkongress 1898 im Stadtcasino Basel | Rechts: Theodor Herzl, auf dem Balkon des Hotels «Les Trois Rois» in Basel stehend, mit nachdenklichem Blick über den Rhein gebeugt (vermutlich 1901 während des 5. Kongress in Basel)